Valerija Bebek: Gedichte

Valerija Bebek
Aus dem Kroatischen von Jelena Dabić

 

Regenbogen

Ich bin gewöhnlich
Etwas traurig
Heute
Müde von der Mühsal
Und wieder schreibe ich
Gedichte
.. als ob ich mich da selbst finden würde
Wie viele Farben hat eine Träne?
Wozu brauche ich das
um ruhig zu schlafen
während
ein Regenbogen
meine
Wangen
hinunter
rinnt

 

 

Stille Festlichkeit

Komm herein ins Zimmer ohne Spiegel
um zu sehen
wie man Schönheit nicht feiern darf.
Im Zimmer ohne Spiegel
gibt es keine Trinksprüche,
da feiert man still.
Im Zimmer ohne Spiegel
herrscht ewige Dunkelheit.
Hier schlafen jene, die nicht schön genug waren.
Ins Zimmer ohne Spiegel
kommen keine Liebesbriefe.
Die Zeiger decken sich nicht
auf ihrer Uhr.
Ihre Sorgen sind für keinen schwer.
Ihre Haare glänzen nie.
Ihre Haut ist nicht weich genug.
Für ihr Lächeln werden keine Blumen gepflückt.
Für sie werden keine Gedichte geschrieben.
Ihre Jugend ist immer schon alt.
Ihre Lippen sind rot vom Wein,
denn sie waren nie die Töchter der Venus.
Komm ins Zimmer ohne Spiegel
um die Schönheit zu genießen.

 

 

Davidija – der Taubenbaum (wenn er in Blüte steht)

für angsthasen und scheues wildpret von rehen das nach löwenart brüllt
sind sie meiner
ich bin diejenige
und die unruhe, sie sich über mir zusammengeballt hat, wie der duft
mit dem ich alles ersticke, das sich um mich befindet
ich habe angst
weil es nie zu spät ist, es kann nur zu früh sein
ich verirre mich
und je mehr ich mich verspäte umso dichter ist er
und ich höre den abgrund der in mir wächst
sicher und unerbittlich breitet er sich aus und schluckt
all das was ich einmal war
alle witze und scherze und den tanz und die knochen
wenn ich sitze und wenn ich gehe bin ich ein loch
das für sich selbst nicht existiert
und ich schweige in mir
ich starre auf etwas langes
versuche eine lösung zu sehen
aber nur der fleck der sich ausbreitet zerfrisst die zeit
und ich vefalle an die tausendmal am tag
bis ich einmal die hand rühre
und in der leeren tasche nach gedanken suche
wo schon seit wochen nur ein lied gespielt wird
wegen des lochs
als wäre ich noch langsamer da
selbst meine eigenen perversionen erheitern mich nicht mehr
eine ölige einsamkeit breitet sich aus
all das was einmal von mir da war
starrt in mich zurück
schon zum neunten mal am selben tag
während ein baum vor mitgefühl blätter treibt
von seinen zweigen fallen taschentücher

 

 

Versuch der Benennung / Meer des Schweigens

ich drücke das weltall zusammen und darin mich in dreißig zeichen die buchstaben heißen
jeder unruhe gebe ich einen namen
ein name das sind buchstaben, die buchstaben sind worte, die worte rennen den gedanken hinterher
die gedanken sind schwärmende wirbel, es wimmelt von ihnen, weil es zu viel gefühl gibt
und man hört sie zu laut aus der tiefe
des weltall-ichs herauf
gefühle, ahnungen, wissen und wünsche unter dem pinsel der neugier
sie werden zu einem bild, einer form
das ist ein gedanke, der gedanke ist ein bild
ein kleines bildchen in der finsternis des ozeangrunds
wie der glanz eines silberfisches, für eine seknunde erscheint er und verschwindet noch schneller
solche fische die glänzen gibt es unzählig viele
wenn sie zu einem schwarm zusammenströmen hast du ein thema
das thema ist eine silberwelle über dem sand
zu dem die sonnenstrahlen nicht so bald gelangen
erst wenn der schwarm sich in richtung heimat aufmacht, springen sie aus dem meerschaum in die luft
es entsteht ein wort, eine summe von buchstaben, ein symbol von unvollständigen figuren
wenn sie allein stehen haben sie keine bedeutung, bis auf den laut, den man mit ihnen verbindet
ein wort, es ruft nach einem zweiten
so drängen sich die schwärme vom ozeangrund in die netze,
der schlammige grund tanzt hinter ihnen her
die worte kosen den satz
die schwärme schlucken sich selbst
der glanz flimmert wie die sonnen hinter dem teleskop
ich rausche mit meinen benennungen
mit unvollständigen symbolen mache ich lärm
indem ich gedankenschwärme beschreibe die aus dem gefühl herausgefallen sind
sie aber, weiterhin vergraben im sand des weltallgrunds,
flüstern weit in die ozeane hinaus meinen namen

 

 

Kind des Regengottes

Du mein Kind wirst
Auf die Erde reisen

Deinetwegen wird das Meer wachsen
Damit das Blau heller glänzt

Auf der Reise wirst du allein sein
Um Himmel und Erde zu verbinden
Kind des Regens

Du gehörst nirgendwohin,
Bist allein, Kind
Des Regengottes,
Deinetwegen ist alles lebendig

Doch du bist das Kind des Regengottes
Und wirst das nie erfahren

Die Sonne wird dich in den Himmel jagen
Die Sonne wird dich auf die Erde schicken

Vor dir wird es grau sein.
Deine Fußabdrücke in einer dichten Farbe
Wirst du nicht sehen können.

Kind des Regens, immer schuldig,
Vor dir wird das Schweigen sein

Und wenn du am Ende oft genug niedergegangen bist
Wenn die Quelle in der Sonne versiegt
Werden deine Farben in Staub übergehen

Dann, in der Nacht
In den goldenen Sand des Sommerhimmels.
Deine Tränen,
Kind des Regengottes,
Werden nicht mehr da sein

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